Die Kunst ein wirklich selbstbestimmtes Leben zu führen

Wird ein Mensch geboren, dann geschieht das ohne sein „Mitbestimmungsrecht“. Für seine Herkunft, das Land und die Gesellschaftsordnung – dafür kann er weder zur Rechenschaft gezogen werden, noch kann er in seinen ersten Lebensjahren etwas verändern. Das kleine Wesen ist vorerst abhängig von dem Willen sowie der Pflege durch Erwachsene.

Mit zunehmendem Alter und Verstand tun bereits Kinder mit Nachdruck ihren Willen kund. Das hat aber nichts mit Selbstbestimmung zu tun – das betrifft höchstens den Eigenwillen und Eigensinn, dem entsprechend nachgegeben wird oder auch nicht.

Selbstbestimmt leben zu können ist auch für Menschen mit Behinderungen nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Schwere Krankheiten und Lebensumstände lassen außerdem für einige Menschen den Willen manifestieren, ihr Leben und Ende selbst bestimmen zu wollen. Über das kürzlich bekannt gewordene und viel diskutierte Thema, das den Freitod von Udo Reiter begründete, wird wohl noch nicht das letzte Wort gesprochen sein.

In einem guten geistigen und körperlichen Zustand alt zu werden – das möchte jeder. Mit Würde den Erdenlauf vollenden – ebenfalls. Die genannten Beispiele sind die Ausnahme, zum Teil grenzwertig und in den meisten Fällen von der Hilfe anderer abhängig. Wo beginnt die Kunst, ein selbstbestimmtes Leben zu führen?

Was ist ein selbstbestimmtes Leben?

Selbstbestimmt zu leben heißt, dass der Mensch für sich selbst eigenständig bestimmt, wie er sein Leben mit allen Facetten gestalten will. Als denkendes Individuum bezieht er dabei alternative Möglichkeiten ein. Veränderungen strebt derjenige bewusst an oder negiert sie. Das Bestreben ist darauf ausgerichtet, unabhängig zu sein und weitestgehend zu bleiben. Ratschläge anderer werden gern angehört, geprüft und auch befolgt, wenn es einen gemeinsamen Konsens mit der eigenen Vorstellung gibt. Bevormundung oder den diktatorischen Willen anderer wird nicht akzeptiert. Ausnahmen bestätigen die Regel – wie zum Beispiel das Leben als Soldat.

Die Entscheidungsgewalt obliegt in vorrangiger Instanz demjenigen, der selbstbestimmtes Leben fokussiert. Die Integration im sozialen Umfeld, Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen oder persönliche Aktivitäten für ein ausgefülltes Leben wird durch eine Selbstbestimmung nicht im Wert gemindert.

Selbstbestimmt leben heißt: die Abhängigkeiten in Bezug auf andere Personen, Abläufen des Alltags oder Situationen zu minimieren. Es ist kein Widerspruch und deutet auch nicht auf ein egozentrisches Verhalten, wenn ein Mensch mit dieser Vorstellung sein Dasein meistert.
Die Frage: „Lebt“ oder „existiert“ der Mensch? – ist eine relevante Betrachtung wert, ebenso die Entscheidung für unterschiedliche Auffassungen: „Ich bestimme über mein Leben“ oder „Der Mensch denkt und Gott lenkt“.

Welche Vorteile bringt diese Lebensform mit sich?

Voraussetzung einer Selbstbestimmung ist die Freiwilligkeit. Das Maß des „Bestimmenden“ legt jeder individuell fest. Die persönlichen Grenzen zur Überforderung sollte jeder kennen, um rechtzeitig die „Reißleine“ zu ziehen. Ob tatsächlich von einer Veranstaltung, Feier, Event oder Einladung zur nächsten gehetzt werden muss, beantwortet jeder für sich. Ein Vorteil der Selbstbestimmung ist, auch ein „Nein“ zu meinen, wenn „nein“ gesagt wird. Das ist eine Kunst!

Wer überwiegend selbstbestimmt lebt, schafft für sich einen inneren Ruhepol und ein Freiheitsgefühl. Es werden Prioritäten gesetzt und genügend Freiraum zur Erholung geschaffen.

Was kann der Einzelne tun, um selbstbestimmter in der modernen Gesellschaft zu leben?

Die Antwort liegt in der Ausgangsposition begründet. Junge Menschen haben in der heutigen Zeit zum Glück die Möglichkeit, ihre Zukunftspläne in den meisten Fällen selbst zu bestimmen. Auslandserfahrungen, Studium oder eine Korrektur in der Ausbildung sind normal.

Kreativität erlebbar machen, Neuland betreten oder seinen Wissenshorizont erweitern, das können ebenfalls Menschen im besten und fortgeschrittenen Alter. Die moderne Gesellschaft und die vielen digitalen Möglichkeiten bieten gute Voraussetzungen dafür.

Wohngemeinschaften von Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit (Nationalität, Religion, Weltanschauung, Sexualität, Alter) zu praktizieren und zu akzeptieren.
„Der Weg ist das Ziel“ – seinen eigenen Weg unbeirrbar gehen, ohne die „Ellenbogen“ einzusetzen.
Die Entscheidungsfindung nicht mit egoistischen Maßstäben umsetzen. Gerade in der modernen Gesellschaft braucht es Hinwendung zu den Schwächeren, Hilfsbereitschaft und Toleranz.

Der intelligente selbstbestimmte Mensch setzt sich für Menschen in Not ein. Öffentliche Veranstaltungen für Wohltätigkeitszwecke, uneigennütziges Handeln und vom materiellen Überfluss abzugeben, ist ein erstrebenswerter Lebensinhalt, der die „Welt menschlicher“ werden lässt.

Welche persönlichen Eigenschaften sind notwendig, um selbstbestimmt zu leben?

Es sind hauptsächlich Kriterien, die eine starke Persönlichkeit kennzeichnen:

  • Selbstbewusstsein
  • Mut
  • Konsequenz
  • Fairer und respektvoller Umgang mit anderen
  • Flexibilität
  • Offenheit gegenüber anderen Ansichten und Meinungen
  • Wissen

Ob es gesunde oder Menschen mit Behinderung betreffen: Die Chance zur Selbstbestimmung sollte jeder bekommen und bei Bedarf die entsprechende Unterstützung.

Welche Erschwernisse verhindern ein selbstbestimmtes Leben?

Über „Leibeigenschaft“ – wie im Mittelalter – braucht der Mensch in der zivilisierten Welt von heute zum Glück nicht nachzudenken. Damals, sowie bis in die Anfänge des Zwanzigsten Jahrhunderts war an ein selbstbestimmtes Leben kaum zu denken.

Politische oder wirtschaftliche Verhältnisse spielen eine große Rolle, die den Menschen derartige Freiheit zur Selbstbestimmung nehmen können.

Erschwernisse für ein selbstbestimmtes Leben können außerdem sein:

  • Fehlendes soziales Umfeld
  • Keine soziale Sicherheit
  • Mangelndes Einkommen
  • Despotisches Partner-Verhalten
  • Krankheit

Wenn ein Erwachsener „selbstständig“ in seinem Leben ist, heißt das noch nicht, dass er es auch selbstbestimmt gestaltet. Oft spielen Konfliktsituationen, Stressfaktoren, berufliche und familiäre Überforderungen eine dominante Rolle, die eine Selbstbestimmung gefährden können. Derjenige fühlt sich wie „fremd gesteuert“.

Für Menschen mit physischen oder psychischen Behinderungen ist eine Selbstaufgabe nicht in jedem Fall zwingend die Folge. Trotz gewisser Hilfsbedürftigkeit kann auch Selbstbestimmung realisiert werden. Das beweisen täglich Menschen, die in Behinderteneinrichtungen und Werkstätten Wert schätzende Akzeptanz erfahren.

Für viele Berufstätige ist der Alltag oft belastend und hektisch. Die Vielfalt der Aufgaben alle zufriedenstellend „unter einen Hut“ zu bekommen, kostet Kraft. Es ist eine Kunst, die Balance zu finden, um nicht wie ein „Hamster im Laufrad“ zu funktionieren. Die Selbstbestimmung darf als „Lösung“ aber nicht zum Ausbrechen in die Isolation und Einsamkeit führen.

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